Handwerk muss für die Bevölkerung bezahlbar bleiben

10.06.2026

Lohnzusatzkosten müssen unter 40 Prozent

Handwerk muss für große Teile der Bevölkerung bezahlbar bleiben und darf nicht zu einem Luxusgut für einen elitären Kreis werden. Das sagt Uwe Nostitz, Präsident des Sächsischen Handwerkstages (SHT).

Ein Handwerker muss heute im Schnitt fünf Stunden arbeiten, um sich einen Handwerker aus der eigenen Branche zu leisten. Dieses Verhältnis lag früher bei etwa 2:1. Die steigenden Kosten schwächen die Investitionskraft und die Wettbewerbsfähigkeit.

Um diese gefährlichen Entwicklungen zu stoppen, sieht das sächsische Handwerk politischen Handlungsbedarf vorrangig in folgenden Kernpunkten:

1. Reformen der Sozialsicherungssysteme müssen Kosten senken

Handwerksbetriebe erleben jeden Tag, wie hohe Abgaben, Bürokratie und fehlende Planungssicherheit die wirtschaftliche Dynamik ausbremsen. Haupttreiber der hohen Kosten sind die Sozialabgaben. Früher lagen diese unter 40 Prozent. Derzeit sind es rund 43 Prozent. „Wenn die Politik nichts ändert, bewegen wir uns stramm auf die 50 Prozent zu. Wir sind hier an einem richtigen Kipppunkt angelangt. Steigen die Kosten weiter, steigt auch die Gefahr von Schwarzarbeit“, mahnt Uwe Nostitz. „Wir erwarten von der Bundesregierung Reformen, die die Kosten deutlich senken.

Absehbar ist, dass die Sozialsysteme künftig mehr über Steuern finanziert werden müssen, um den Faktor Arbeit zu entlasten. Das heißt nicht, die Steuern zu erhöhen. Stattdessen müssen Strukturreformen umgesetzt werden, die Mittel freisetzen, um die Sozialsysteme zu stützen. „Mit neuen Schulden allein werden wir unsere Probleme nicht lösen.“

Der SHT-Präsident fordert darüber hinaus eine Steuerreform, die diesen Namen auch verdient. Im Handwerk ist die Einkommensteuer die zentrale Unternehmensteuer. Für Arbeitnehmer muss gelten: Mehr Netto vom Brutto.

In dem Zusammenhang wäre es auch das völlig falsche Signal, die Steueranreize für Handwerkerleistungen abzuschaffen. Der sogenannte Handwerkerbonus ist kein Bonus für die Betriebe, sondern für die Verbraucher. Die Steuerermäßigung stabilisiert private Nachfrage, ermöglicht notwendige Modernisierungen und wirkt direkt in die Breite des Handwerks. „Fällt dieser Impuls weg, werden Investitionen verschoben, während Schwarzarbeit wieder an Attraktivität gewinnt“, so der Dipl.-Bauingenieur.

2. Berufsorientierung ausbauen, Unterricht praxisnaher gestalten.

Handwerker sind heute aus Kundensicht nicht mehr nur Dienstleister, sondern zunehmend ein Garant für den funktionierenden Alltag. Gleichzeitig erleben die Verbraucher den Fachkräftemangel direkt durch lange Wartezeiten, abgesagte Termine oder begrenzte Erreichbarkeit.

Die sächsischen Handwerksbetriebe stemmen sich gegen den Fachkräftemangel. Der beste Weg, an gut qualifiziertes Personal zu kommen, ist, es selbst auszubilden. In den letzten Jahren ist die Zahl der Ausbildungsverträge im sächsischen Handwerk kontinuierlich gestiegen. „Auch dieses Jahr liegen wir leicht im Plus. Zudem werden mehr als 1.020 junge Ausländer derzeit in sächsischen Handwerksbetrieben ausgebildet. Das sind so viele Frauen und Männer wie noch nie“, bilanziert Uwe Nostitz.

Trotz der steigenden Zahlen bleiben jedes Jahr Hunderte Lehrstellen unbesetzt. Das muss sich ändern. „Die Berufliche Orientierung an allen allgemeinbildenden Schulen – also auch Gymnasien – muss ausgebaut und gestärkt werden. Das Profil der Oberschule als Talenteschmiede der Berufsbildung sollte geschärft werden.“

Die Zahl der Praktika während der Schulzeit muss erhöht werden. Je mehr Erfahrungen die Schüler in Betrieben sammeln, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass die Abbrecherquoten sinken. Derzeit werden zwischen 10 bis 15 Prozent der Lehrverträge vor dem Ende gelöst.

Der Schulunterricht als Ganzes muss praxisnaher ausgestaltet werden. Das Leistungsprinzip – also Schulnoten – muss beibehalten und die Zahl der Schulabbrecher signifikant gesenkt werden.

3. Chancen bei KI / Digitalisierung muss echten Mehrwert bringen

Künstliche Intelligenz wird das Handwerk in den kommenden Jahren spürbar verändern – allerdings anders als viele klassische Industrieberufe. KI wird den Handwerker auf der Baustelle nicht ersetzen. Sie kann aber Abläufe vereinfachen, Betriebe entlasten und den Kundenservice verbessern. Bei der Implementierung brauchen die Handwerksbetriebe Unterstützung.

Vor allem kleine und mittlere Unternehmen dürfen nicht abgehängt werden. KI und vor allem Digitalisierung müssen sich im Unternehmensalltag aber auch lohnen. Die Betriebe brauchen einen echten Mehrwert aus digitalen Anwendungen. Dass dies kein Selbstläufer ist, zeigt das aktuelle Beispiel der E-Rechnung.

Die Einführung im B2B-Bereich stellt viele Handwerksbetriebe vor erhebliche Herausforderungen. Das ergab eine bundesweite Umfrage unter knapp 2.000 Handwerksbetrieben. Die Umsetzung in der Praxis bleibt deutlich hinter den Erwartungen zurück. „Rund die Hälfte der Betriebe empfindet sowohl den Empfang als auch die Weiterverarbeitung von E-Rechnungen als aufwendiger als bei herkömmlichen pdf-Rechnungen. Entsprechend fällt der wahrgenommene Nutzen aktuell gering aus“, sagt Uwe Nostitz.

Hintergrund:

Als größte Landeshandwerksorganisation im Osten Deutschlands vertritt der Sächsische Handwerkstag mehr als 54.000 Handwerksbetriebe, in denen etwa 280.000 Menschen beschäftigt sind. Sie erwirtschafteten im vergangenen Jahr einen Umsatz von knapp 36 Milliarden Euro.

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