Die seit Wochen für Schlagzeilen sorgende weltweite Finanzmarktkrise und deren Auswirkungen auf Deutschland war für die Handwerkspresse Sachsens Anlass, zu diesen Fragen mit dem Präsidenten des Bundesverbandes der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR), Uwe Fröhlich, das Gespräch zu suchen. Veröffentlicht wurde das Interview in den Sachsen-Ausgaben der "Deutschen Handwerks Zeitung" vom 7. November 2008 bzw. des „Deutschen Handwerksblatts“ vom 6. November 2008.
Wir dokumentieren den Wortlaut des Interviewtextes:
 

Interview: Uwe Fröhlich, Bundesverband Volks- und Raiffeisenbanken

Genossenschaftsbanken melden

Marktanteil-Plus

   Die weltweite Krise auf den Finanzmärkten beunruhigt kleine und mittlere Unternehmen aus Handwerk und Mittelstand. Nicht wenige Unternehmer befürchten, als Gewerbekunden bei Kreditinstituten jetzt noch schwerer Kapital für betriebliche Investitionen zu erhalten. In einem Kurzinterview für die Handwerkspresse äußerte sich hierzu Uwe Fröhlich, seit kurzem Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR), Berlin.

„Volks- und Raiffeisenbanken steigern in Finanzkrise Marktanteile“, titelte unlängst Ihr Verband. Hat das Finanzmarkt-Debakel bei Genossenschaftsbanken keine Spuren hinterlassen?
Wir sind uns durchaus der krisenhaften Situation an den Finanzmärkten und der zu erwartenden Auswirkungen auf die Realwirtschaft bewusst. Und doch erfreuen sich unsere Volksbanken und Raiffeisenbanken vieler neuer Kunden. Dank eines stabilen Einlagenüberhangs, einer dadurch geringeren Abhängigkeit von Refinanzierungen am Kapitalmarkt konnten unsere Banken ihr Kreditgeschäft mit Firmenkunden im ersten Halbjahr 2008 um 3,1 Prozent ausweiten – also stärker als die übrige deutsche Kreditwirtschaft.

  Gleichwohl registrieren Sie für die Genossenschaftsbanken in den vergangenen Jahren eine eher rückläufige Kreditnachfrage. Was tun die Institute, um neue Gewerbekunden auch aus dem Handwerk zu gewinnen?
 
Die aktuell nur mäßige Kreditnachfrage bei Unternehmen ist auf den schwachen inländischen Absatzmarkt zurückzuführen. Dies wirkt sich natürlich dämpfend auf Investitionen und damit auf die Nachfrage nach Finanzmitteln aus, darunter auch im Handwerk.
 
Um neue Kunden zu gewinnen, setzen Genossenschaftsbanken auch künftig auf Kundennähe und Kundenorientierung, Kompetenz und Fairness. Diese gelebte Kultur eines Miteinanders von Genossenschaftsbank und (Gewerbe-)Kunde ist für uns ein Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Anbietern. Ein weiterer Baustein ist die Existenzgründerberatung. Solche Vorhaben, die überzeugend und aussichtsreich sind, werden von Volksbanken und Raiffeisenbanken tatkräftig unterstützt.

  Die Wirtschaftlichkeit im genossenschaftlichen Kreditsektor konnte nach Verbandsangaben in jüngster Zeit nicht zufrieden stellen. Sind sächsische Volks- und Raiffeisenbanken möglicherweise besonders gefordert, hier gegenzusteuern?
 
Sie nennen ein Problem, das alle inländischen Kreditinstitute gleichermaßen betrifft. Auswirkungen der Finanzmarktturbulenzen, intensiver Wettbewerb und eine anhaltend flache Zinsstrukturkurve verschärfen die Ertragslage aller Banken. Gestiegene kurzfristige Zinsen und das schwache Börsenumfeld belasten die Ertragsseite zusätzlich.
2007 lag die Aufwands-Ertrags-Relation aller deutschen Kreditgenossenschaften bei 70,5 Prozent. Die der Kreditgenossenschaften in Sachsen konnte in den zurückliegenden Jahren von Werten um 80 Prozent auf inzwischen knapp über 70 Prozent verbessert werden. Generell sind alle genossenschaftlichen Kreditinstitute gefordert, das Geschäftsvolumen nachhaltig auszubauen, aber auch –durch standardisierte Bearbeitung von Bankprozessen – Kosten weiter zu senken. (Interview: Frank Wetzel)

(Interview: Frank Wetzel)

Hintergrund
BVR und Mittelstand

* Der Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR), Berlin, ist die Spitzenorganisation der genossenschaftlichen Kreditwirtschaft (Genossenschaftsbanken, genossenschaftliche Zentralbanken, Unternehmen des Finanzverbundes und des Prüfungsverbandes der Gruppe).
* In Sachsen gibt es 23 Kreditgenossenschaften, die vom Genossenschaftsverband Frankfurt/Main betreut werden. Zwei Kreditgenossenschaften gehören dem Bayerischen Verband an.
* Der Anteil von Krediten an gewerblichen Kunden in den sächsischen Kreditgenossenschaften liegt im Schnitt bei rund 60 Prozent aller Darlehen.
* Laut Bundesbankstatistik (2. Quartal 2008) betrug der genossenschaftliche Marktanteil für Kredite an das Handwerk 18,4 Prozent, in der KfW-Gründungsförderung im ersten Halbjahr 2008 nahezu 35 Prozent.
* Die Aufwand-Ertrags-Relation (Kennzahl für die Produktivität von Banken) bezeichnet den Verwaltungsaufwand in Prozent des Gesamtergebnisses. In der gesamten deutschen Kreditwirtschaft lag die Relation 2006 im Schnitt bei 62,4 Prozent.