Strompreise in Deutschland: Jurk dringt auf funktionierenden Wettbewerb
In einem Interview für die Handwerkspresse hat sich Sachsens Wirtschafts- und Arbeitsminister Thomas Jurk (SPD) - zugleich Chef der Energieaufsichtsbehörde des Freistaats - für einen funktionierenden Wettbewerb auf den Strommarkt ausgesprochen. Veröffentlicht wird der Beitrag in der Sachsen-Ausgabe Nr. 19/2006 des "Deutschen Handwerksblatts" (DHB) am 12. Oktober 2006.

Wir dokumentieren hiermit den Wortlaut des Interviewtextes:

Interview: Sachsens Wirtschaftsminister Thomas Jurk

„Noch kein Wettbewerb auf dem Strommarkt“  

  Die Entwicklung der Energiepreise, insbesondere die der Strompreise, sind nicht nur für Handwerk und Mittelstand ein großes Ärgernis. Obwohl der Strompreis schon jetzt über dem europäischen Durchschnitt liegt, wollen die großen Stromversorger die Preise demnächst erneut anheben. Missfallen findet dies unter anderen auch bei Sachsens Wirtschafts- und Arbeitsminister Thomas Jurk (SPD), zugleich Chef der Energieaufsichtsbehörde des Freistaats. In einem Interview mit dem „Deutschen Handwerksblatt“ antwortete er auf diesbezügliche Fragen.

  DHB: Was, Herr Minister, hat Sachsen getan, was kann Sachsen tun, um den Trend anhaltender Strompreiserhöhungen zu stoppen bzw. gar umzukehren?

  Jurk: Sachsen allein kann da wenig tun. Für faire Preise brauchen wir in erster Linie mehr Wettbewerb. Und wir brauchen mehr Kompetenz für die Kartellbehörden, damit sie die Marktmacht der großen Stromkonzerne beschränken können. Alle Möglichkeiten, die wir als Land haben, schöpfen wir voll aus, damit die Verbraucher nicht über Gebühr zur Kasse gebeten werden.

  Konkret heißt das…

  Als Energieaufsichtsbehörde können wir laut Gesetz nur bei Preiserhöhungen in der Grundversorgung für Haushalt und Gewerbe mitreden. In der vergangenen Genehmigungsrunde haben wir die beantragten Preiserhöhungen beispielsweise in 31 von 33 Fällen durchschnittlich um mehr als ein Viertel gekürzt. Rechnet man den Verbrauch hoch, so haben wir den Verbrauchern in Sachsen damit immerhin Kosten von fast 15 Millionen Euro erspart. Und wir werden auch bei den jetzt beantragten Preiserhöhungen nicht nur die Kostenseite - beispielsweise die höheren Einkaufspreise - ansehen, sondern auch die Gewinne ins Visier nehmen.

  2005 trat das neue Energiewirtschaftsgesetz in Kraft, um einen unverfälschten Wettbewerb bei Strom und Gas zu ermöglichen. Richtig Wirkung scheint es bislang nicht zu entfalten. Was läuft falsch?

  Es stimmt, der Wettbewerb auf dem Strommarkt funktioniert noch nicht. Darum bin ich auch für eine Verlängerung der Energieaufsicht der Länder über Sommer 2007 hinaus. Wir brauchen mehr Transparenz im Stromgroßhandel. Schließlich macht der Großhandelspreis rund ein Viertel des Preises aus, den der Endverbraucher schließlich zahlen muss. Die Energiewirtschaft ist aber weit davon entfernt ist, alle marktrelevanten Daten offen zu legen. Bundeswirtschaftsminister Glos hat nun angekündigt, die Stromkonzerne stärker kontrollieren zu wollen. Das kann ich nur begrüßen.

  Stichwort Netzdurchleitungsentgelte, die immerhin rund ein Drittel des Strompreises ausmachen…

 
Hier sind wir einen guten Schritt weitergekommen. Denn nur wenn die Preisvorteile günstigerer Anbieter auch tatsächlich beim Verbraucher ankommen und nicht von den Gebühren, die die Netzbetreiber für die Durchleitung fordern, aufgehoben werden, haben die Kunden tatsächlich eine Wahl. Die Behörden, die diese Netzentgelte genehmigen müssen, haben ihre Arbeit aufgenommen. So hat unsere Landesregulierungsbehörde beispielsweise in den bisherigen Bescheiden für die Stromnetze die Entgelte um durchschnittlich sechs Prozent gekürzt. Und wir achten darauf, dass diese Netzentgeltsenkung auch an die Kunden weitergegeben wird.
  Zurzeit läuft übrigens das Genehmigungsverfahren für die Netzentgelte bei den 37 Gasnetzbetreibern in Sachsen. Auch hier wird sich bei den Preisen erst etwas ändern, wenn es Wettbewerb gibt.

  Schuldlos an den hohen Strompreisen ist auch der Staat nicht. Um mehr als zwei Drittel stiegen seit 1998 die im Strompreis enthaltenen Abgaben, Steuern und Umlagen, so dass jetzt rund 40 Prozent des Bruttostrompreises in öffentliche Kassen fließen. Gibt’s hier nicht Handlungsbedarf für die Politik?

 
Wir sagen nicht, weg mit den Steuern, denn mit der Ökosteuer werden beispielsweise die Lohnnebenkosten stabil gehalten. Das ist für das Handwerk sicher auch von ganz besonderem Interesse. Handlungsbedarf sehen wir vor allem bei der Erhöhung der Energieeffizienz. Mit weniger Energie die gleiche oder sogar noch eine bessere Leistung zu erreichen, erhöht nicht nur die Wettbewerbsfähigkeit, sondern schont außerdem Ressourcen, Klima und Umwelt.

  Sie sprechen von einem neuen Förderprogramm?

  Wir werden in Sachsen bis 2013 mit mehr als 20 Millionen Euro kleine und mittelständische Unternehmen unterstützen, ihre Energieeffizienz zu verbessern. Bei steigendem Energieverbrauch wären steuerliche Veränderungen keine wirkliche Hilfe. Wenn überhaupt wären sie auch erst nach jahrelangem politischem Tauziehen umsetzbar. Wenn der Sächsische Landtag und die EU zustimmen, können wir mit der Förderung im nächsten Jahr beginnen.

  Noch mal zur Öko-Steuer. Aus Handwerkssicht hat die eigentlich nichts gebracht, zumal im Gegenzug die Rentenversicherungsbeiträge nicht so, wie prognostiziert, gesunken sind.

 
Die Regierungsparteien in Berlin haben sich in ihrer Koalitionsvereinbarung darauf geeinigt, die Ökosteuer nicht weiter zu erhöhen und die Entlastungsregelungen für die Industrie beizubehalten, um die internationale Wettbewerbsfähigkeit der energieintensiven Industrie, aber auch des produzierenden Gewerbes nicht zu gefährden. Das für Klima-, Umwelt- und Ressourcenschutz wichtige Erneuerbare-Energien-Gesetz wird in seiner Grundstruktur fortgeführt. Jedoch sollen die Vergütungssätze, Förderzeiträume und Degressionsschritte geprüft und gegebenenfalls an die Entwicklung der einzelnen erneuerbaren Energien angepasst werden.

  (Gespräch: Frank Wetzel)