Die anhaltende Diskussion über Schwierigkeiten von Handwerkern, an Firmenkredite von Banken und Sparkassen heranzukommen, war für die Handwerkspresse in Sachsen Anlass, zu diesen und weiteren Fragen mit dem Geschäftsführenden Präsidenten des Ostdeutschen Sparkassen- und Giroverbandes (OSGV), Rainer Voigt, das Gespräch zu suchen.

Das Interview wurde in der Leipzig/Sachsen-Ausgabe Nr. 18/2004 des "Deutschen Handwerksblatts" vom 23. September 2004 veröffentlicht.

Wir dokumentieren den Wortlaut des Interviewtextes:

Interview: Rainer Voigt, Ostdeutscher Sparkassen- und Giroverband

Sparkassen bleiben im Firmenkreditgeschäft aktiv

   Das Thema „Unternehmensfinanzierung“ sorgt seit Jahren für hitzige Debatten im Handwerk. Vor allem kleinere Betriebe aus den neuen Ländern klagen über eine restriktivere Kreditvergabe auch durch Sparkassen und Genossenschaftsbanken, die sich einst als Hausbanken des Mittelstands einen Namen machten. – Zu diesen und weiteren Fragen äußerte sich der Geschäftsführende Präsident des Ostdeutschen Sparkassen- und Giroverbandes (OSGV), Rainer Voigt, in einem Interview für die Handwerkspresse.

Herr Präsident, worin liegen die Ursachen für das ins Stocken geratene Firmenkreditgeschäft?

Ich kann nicht feststellen, dass unser Firmenkreditgeschäft ins Stocken geraten ist. Die Sparkassen sind und bleiben Partner des Mittelstands. Dies gilt im besonderen Maße für das Handwerk. Mitte 2004 betrug der Kreditbestand bei den OSGV-Mitgliedssparkassen rund 36,5 Milliarden Euro und lag damit auf dem Niveau von Mitte 2003. Ein erheblicher Anteil dieser Kredite ging an wirtschaftlich Selbstständige und Unternehmen. Hier lag der Kreditbestand Ende Juni des laufenden Jahres bei 16,1 Milliarden Euro.
An neuen Krediten vergaben unsere Sparkassen seit Juni 2003 in zwölf Monaten rund zwei Milliarden Euro, davon 775 Millionen allein in Sachsen. Mittel, die vor allem an kleine Betriebe gingen.

Wie ist dann das Ergebnis einer bundesweiten Umfrage der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) zu bewerten, wonach zwölf Prozent aller Firmen, zumeist Handwerksbetriebe, wegen veränderter Geschäftspolitik der Banken 2003 kein Darlehen erhalten haben?

Ich betone noch einmal: Die Sparkassen ziehen sich aus dem Kreditgeschäft nicht zurück. Wir unterstützen gezielt den heimischen Mittelstand und leisten so einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung der Regionen.

Welchen Anforderungen müssen Mittelständler genügen, um von ihrer Sparkasse auch künftig einen Firmenkredit zu bekommen?

Nötig ist vor allem ein klar strukturiertes Konzept, aus dem ersichtlich ist, wofür und mit welchem Ziel der Unternehmer seine Investition tätigen möchte, welche Einnahmen er dadurch erwartet und wie die Absicherung aussehen könnte.
Natürlich spielt auch der Unternehmer selbst eine Rolle. Dabei interessiert die Sparkasse nicht nur die fachlichen Fähigkeiten, sondern auch das Know-how in der kaufmännischen Betriebsführung. Oft mangelt es nämlich an ausreichenden betriebswirtschaftlichen Kenntnissen. Dies zeigt sich manchmal schon in ganz elementaren Dingen, etwa an fehlerhafter Preiskalkulation oder an fehlenden Vermarktungsstrategien.

Kritisch ist die Lage in fast jedem zweiten Ost-Handwerksbetrieb: Hier liegt die Eigenkapitalquote unter zehn Prozent. Haben auch solche Firmen eine Chance, an Finanzierungsmittel der Hausbank heranzukommen?

Ein Betrieb muss vom Grundsatz her in der Lage sein, seine Geschäftstätigkeit selbst zu finanzieren. Dabei ist und bleibt Eigenkapital insbesondere für Handwerksbetriebe die wichtigste Finanzierungsgrundlage. Wir erwarten von den Unternehmern hier auch ein hartes Stück Eigenleistung.
Kreditfinanzierungen über die Hausbank sind immer in Ergänzung zu sehen, um größere Investitionen bewältigen zu können. Vielfach können Hausbankdarlehen auch mit Krediten der öffentlichen Förderinstitute kombiniert werden.

Zum Beispiel?

Mit der Produktfamilie „Unternehmerkapital“ bietet die KfW Möglichkeiten der so genannten Nachrangfinanzierung an. Aber auch die sächsische Beteiligungsgesellschaft mit ihrem Mittelständischen Beteiligungsprogramm hilft, Eigenkapitalengpässe zu überwinden.

Wenn so eine Finanzierung trotz allem nicht funktioniert...

...dann gibt es immer noch die Möglichkeit, sich Partner suchen, die sich als Gesellschafter am Unternehmen beteiligen. Auch wenn dieser Weg von vielen kleineren Betrieben noch immer kritisch betrachtet wird, ist dies letztlich eine gute Möglichkeit, sich perspektivisch nach einem Nachfolger umzuschauen.

Wie verlautete, will der Bund zur Lösung von Finanzierungsengpässen im Mittelstand über die KfW eine bankenübergreifende „Kreditfabrik“ installieren. Standardisierte Produkte sollen das kleinteilige Kreditgeschäft für Banken wieder lukrativer machen. Begrüßt der OSGV diese Idee?

Sie können die KfW, die im Grunde eine Staatsbank ist, nicht mit den am Markt operierenden Sparkassen vergleichen. Prinzipiell gilt aber, dass die Bearbeitung von kleinen Darlehensabschnitten anteilig höhere Kosten verursacht als bei größeren Volumina. Das heißt, dass auch die Sparkassen ihre Kreditproduktion effizienter gestalten müssen, wenn sie wettbewerbsfähig bleiben wollen. Denn nur wettbewerbsfähige Sparkassen können sich ihre Nähe zu den Kunden und ihre regionale Ausrichtung mit einem dichten Filialnetz auf Dauer leisten.

Es bietet sich also an, dass Sparkassen mehr als in der Vergangenheit auf standardisierte und automatische Abläufe zurückgreifen. Gleichwohl wird das notwendige Mehr an Effizienz nicht zulasten der Betreuung unserer mittelständischen Kunden gehen. Beratung und Kundengespräch vor Ort bleiben erhalten. Auch für die Bewilligung von Krediten bleibt die Sparkasse verantwortlich.

(Gespräch: Frank Wetzel)

Hintergrund: OSGV und Mittelstand

  • Der Ostdeutsche Sparkassen- und Giroverband (OSGV) mit Sitz in Berlin ist ein Regionalverband innerhalb der deutschen Sparkassenorganisation. Mitglieder sind 64 Sparkassen der Bundesländer Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Sachsen-Anhalt.
     
  • Nach eigenen Angaben erreichen die Sparkassen im OSGV-Verbund bei Selbstständigen Marktanteile von rund 48 Prozent. 60 Prozent der Wirtschaftskredite gehen an Selbstständige.
     
  • Die durchschnittliche Kredit-Einzelsumme über alle Branchen hinweg beträgt im OSGV-Gebiet etwa 84.000 Euro, im Handwerk 59.000 Euro.
     
  • Laut OSGV finanzieren die Mitgliedssparkassen nach wie vor mehr als 66 Prozent aller Handwerksbetriebe und jede zweite Existenzgründung. Bei den Unternehmen mit Jahresumsätzen unterhalb 500.000 Euro liegt der Marktanteil bei über 70 Prozent.