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Interview: Rainer Voigt,
Ostdeutscher Sparkassen- und Giroverband
Sparkassen bleiben im
Firmenkreditgeschäft aktiv
Das Thema
„Unternehmensfinanzierung“ sorgt seit Jahren für hitzige Debatten im
Handwerk. Vor allem kleinere Betriebe aus den neuen Ländern klagen über eine
restriktivere Kreditvergabe auch durch Sparkassen und Genossenschaftsbanken,
die sich einst als Hausbanken des Mittelstands einen Namen machten. – Zu
diesen und weiteren Fragen äußerte sich der Geschäftsführende Präsident des
Ostdeutschen Sparkassen- und Giroverbandes (OSGV), Rainer Voigt, in einem
Interview für die Handwerkspresse.
Herr Präsident, worin liegen die Ursachen
für das ins Stocken geratene Firmenkreditgeschäft?
Ich kann nicht feststellen, dass
unser Firmenkreditgeschäft ins Stocken geraten ist. Die Sparkassen sind und
bleiben Partner des Mittelstands. Dies gilt im besonderen Maße für das
Handwerk. Mitte 2004 betrug der Kreditbestand bei den
OSGV-Mitgliedssparkassen rund 36,5 Milliarden Euro und lag damit auf dem
Niveau von Mitte 2003. Ein erheblicher Anteil dieser Kredite ging an
wirtschaftlich Selbstständige und Unternehmen. Hier lag der Kreditbestand
Ende Juni des laufenden Jahres bei 16,1 Milliarden Euro.
An neuen Krediten vergaben unsere Sparkassen seit Juni 2003 in zwölf Monaten
rund zwei Milliarden Euro, davon 775 Millionen allein in Sachsen. Mittel,
die vor allem an kleine Betriebe gingen.
Wie ist dann das Ergebnis einer
bundesweiten Umfrage der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) zu bewerten,
wonach zwölf Prozent aller Firmen, zumeist Handwerksbetriebe, wegen
veränderter Geschäftspolitik der Banken 2003 kein Darlehen erhalten haben?
Ich betone noch einmal: Die
Sparkassen ziehen sich aus dem Kreditgeschäft nicht zurück. Wir unterstützen
gezielt den heimischen Mittelstand und leisten so einen wichtigen Beitrag
zur Entwicklung der Regionen.
Welchen Anforderungen müssen
Mittelständler genügen, um von ihrer Sparkasse auch künftig einen
Firmenkredit zu bekommen?
Nötig ist vor allem ein klar
strukturiertes Konzept, aus dem ersichtlich ist, wofür und mit welchem Ziel
der Unternehmer seine Investition tätigen möchte, welche Einnahmen er
dadurch erwartet und wie die Absicherung aussehen könnte.
Natürlich spielt auch der Unternehmer selbst eine Rolle. Dabei interessiert
die Sparkasse nicht nur die fachlichen Fähigkeiten, sondern auch das
Know-how in der kaufmännischen Betriebsführung. Oft mangelt es nämlich an
ausreichenden betriebswirtschaftlichen Kenntnissen. Dies zeigt sich manchmal
schon in ganz elementaren Dingen, etwa an fehlerhafter Preiskalkulation oder
an fehlenden Vermarktungsstrategien.
Kritisch ist die Lage in fast jedem
zweiten Ost-Handwerksbetrieb: Hier liegt die Eigenkapitalquote unter zehn
Prozent. Haben auch solche Firmen eine Chance, an Finanzierungsmittel der
Hausbank heranzukommen?
Ein Betrieb muss vom Grundsatz her in der Lage sein, seine
Geschäftstätigkeit selbst zu finanzieren. Dabei ist und bleibt Eigenkapital
insbesondere für Handwerksbetriebe die wichtigste Finanzierungsgrundlage.
Wir erwarten von den Unternehmern hier auch ein hartes Stück Eigenleistung.
Kreditfinanzierungen über die Hausbank sind immer in Ergänzung zu sehen, um
größere Investitionen bewältigen zu können. Vielfach können Hausbankdarlehen
auch mit Krediten der öffentlichen Förderinstitute kombiniert werden.
Zum Beispiel?
Mit der Produktfamilie
„Unternehmerkapital“ bietet die KfW Möglichkeiten der so genannten
Nachrangfinanzierung an. Aber auch die sächsische Beteiligungsgesellschaft
mit ihrem Mittelständischen Beteiligungsprogramm hilft, Eigenkapitalengpässe
zu überwinden.
Wenn so eine Finanzierung trotz allem
nicht funktioniert...
...dann gibt es immer noch die
Möglichkeit, sich Partner suchen, die sich als Gesellschafter am Unternehmen
beteiligen. Auch wenn dieser Weg von vielen kleineren Betrieben noch immer
kritisch betrachtet wird, ist dies letztlich eine gute Möglichkeit, sich
perspektivisch nach einem Nachfolger umzuschauen.
Wie verlautete, will der Bund zur Lösung
von Finanzierungsengpässen im Mittelstand über die KfW eine
bankenübergreifende „Kreditfabrik“ installieren. Standardisierte Produkte
sollen das kleinteilige Kreditgeschäft für Banken wieder lukrativer machen.
Begrüßt der OSGV diese Idee?
Sie können die KfW, die im Grunde eine Staatsbank ist, nicht mit den am
Markt operierenden Sparkassen vergleichen. Prinzipiell gilt aber, dass die
Bearbeitung von kleinen Darlehensabschnitten anteilig höhere Kosten
verursacht als bei größeren Volumina. Das heißt, dass auch die Sparkassen
ihre Kreditproduktion effizienter gestalten müssen, wenn sie
wettbewerbsfähig bleiben wollen. Denn nur wettbewerbsfähige Sparkassen
können sich ihre Nähe zu den Kunden und ihre regionale Ausrichtung mit einem
dichten Filialnetz auf Dauer leisten.
Es bietet sich also an, dass Sparkassen mehr
als in der Vergangenheit auf standardisierte und automatische Abläufe
zurückgreifen. Gleichwohl wird das notwendige Mehr an Effizienz nicht
zulasten der Betreuung unserer mittelständischen Kunden gehen. Beratung und
Kundengespräch vor Ort bleiben erhalten. Auch für die Bewilligung von
Krediten bleibt die Sparkasse verantwortlich.
(Gespräch: Frank Wetzel)
Hintergrund: OSGV und Mittelstand
- Der Ostdeutsche Sparkassen- und
Giroverband (OSGV) mit Sitz in Berlin ist ein Regionalverband innerhalb
der deutschen Sparkassenorganisation. Mitglieder sind 64 Sparkassen der
Bundesländer Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und
Sachsen-Anhalt.
- Nach eigenen Angaben erreichen die
Sparkassen im OSGV-Verbund bei Selbstständigen Marktanteile von rund 48
Prozent. 60 Prozent der Wirtschaftskredite gehen an Selbstständige.
- Die durchschnittliche Kredit-Einzelsumme
über alle Branchen hinweg beträgt im OSGV-Gebiet etwa 84.000 Euro, im
Handwerk 59.000 Euro.
- Laut OSGV finanzieren die
Mitgliedssparkassen nach wie vor mehr als 66 Prozent aller
Handwerksbetriebe und jede zweite Existenzgründung. Bei den Unternehmen
mit Jahresumsätzen unterhalb 500.000 Euro liegt der Marktanteil bei über
70 Prozent.
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