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Interview: Sachsens
Ministerpräsident Georg Milbradt
EU-Erweiterung
eröffnet
Betrieben neue Märkte
Für Deutschlands Handwerk war
2003 vor allem ein Jahr der Turbulenzen: magere Geschäfte durch eine
unverändert lahme Binnenkonjunktur zum einen, Irritationen durch
monatelanges politisches Gezänk über (von Rot-Grün forcierte) Einschnitte in
das Handwerksrecht zum anderen. Nach zähem Ringen von Regierung und
Opposition um eine moderne, europataugliche Handwerksordnung erlangten
Neuregelungen noch kurz vor Jahresschluss 2003 Gesetzeskraft.
Zu Auswirkungen des novellierten Handwerksrechts sowie zu
Konsequenzen aus der EU-Osterweiterung für die gewerbliche Wirtschaft
stellte sich Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) den Fragen der
Handwerkspresse.
Zunächst, Herr
Ministerpräsident, einen Blick zurück: Wie bewerten Sie den Kompromiss von
Regierung und Opposition zur Handwerksnovelle?
Es ist ein Kompromiss, mit dem
wir im Bundesrat vieles von dem abwenden konnten, was die Schröder-Regierung
ursprünglich vorhatte. Insofern bin ich einerseits froh über das Ergebnis.
Andererseits hätte ich mir gewünscht, dass die Regierung die Finger davon
lässt und ihren Reformeifer auf andere Politikbereiche lenkt, in denen wir
tatsächlichen und großen Reformbedarf haben.
Rechnen Sie, wie Rot-Grün, durch die Novelle mit
einem Aufschwung? Kommt es dadurch jetzt im Handwerk zu mehr Wachstum und
Beschäftigung?
Nein. Die Änderungen in der
Handwerksordnung bringen an sich keinen Durchbruch auf dem Arbeitsmarkt. Die
Bundesregierung hat den Hang, Nebenschauplätze zu eröffnen und diese als
große Reformprojekte zu feiern. Aber für mehr Wachstum und Beschäftigung
brauchen wir andere Voraussetzungen: langfristig angelegte Reformen bei der
sozialen Sicherung, ein einfaches Steuerrecht, mehr Flexibilität bei den
Tarifen, weniger Hemmnisse auf dem Arbeitsmarkt. All dies aber hat die
Bundesregierung bisher nicht oder nur halbherzig angefasst.
Weiteren Reformbedarf im Handwerks- und
Gewerberecht sehen Sie also nicht…
Ich denke, bevor wir weitere
politische Forderungen formulieren oder Gesetzesinitiativen starten, müssen
wir erst einmal sehen, wie sich die geänderte Handwerksordnung in der Praxis
der Betriebe auswirkt.
Mit der Aufnahme u. a. von Polen und Tschechien
in die Europäische Union Anfang Mai rückt Sachsen vom Rand in die neue Mitte
der EU. Ist der Mittelstand für einen sich nach Osten erweiternden Markt
gerüstet?
Nach meiner Einschätzung ist ein
Großteil der Unternehmen gut gerüstet. Es gab und gibt viel Aufklärung und
Hilfestellungen, wie hiesige Unternehmen mit den Chancen und Risiken der
EU-Erweiterung umgehen können. Eine wichtige Rolle spielen hierbei Kammern
und Verbände.
Und es gibt genug Unternehmer, die es uns vormachen – die zum Beispiel
Vorprodukte günstiger aus den Nachbarländern im Osten beziehen oder die bei
Firmen in Polen und Tschechien mit ihren Waren und Leistungen einen Fuß in
der Tür haben. Ich kenne Unternehmer, die sehen dem 1. Mai 2004
erwartungsvoll entgegen, weil sie dann mehr Möglichkeiten haben, angebahnte
Beziehungen zu Unternehmen in den neuen EU-Ländern voll zu nutzen.
Dennoch sind gerade viele kleine und mittlere
Unternehmen unverändert skeptisch. Was raten Sie jenen, die in der
EU-Erweiterung nach wie vor eher Risiken als Chancen sehen?
Auch ohne die volle
EU-Mitgliedschaft würden der Handel und somit auch der Wettbewerb mit
Tschechien, Ungarn, Polen und den anderen Nachbarstaaten deutlich zunehmen.
Mittelstand und Handwerk machen diese Erfahrung bereits seit mehr als zehn
Jahren. Die Betriebe müssen so oder so überlegen, wie sie ihre Stärken
ausbauen, welches Standbein das Beste ist oder ob es neuer Standbeine
bedarf, um unter neuen und zum Teil schwierigeren Bedingungen zu existieren.
Das gehört mit zum freien Unternehmertum und ist keine spezielle
Herausforderung der EU-Erweiterung.
Allerdings habe ich auch Verständnis für die Sorgen. Mir ist klar, dass
diese Forderung viel leichter ausgesprochen als umgesetzt ist.
Ängste abbauen, Kommunikation fördern, Geschäfte
mit Unternehmern aus EU-Beitrittsländern anbahnen helfen – hierzu will die
„mitteldeutsche handwerksmesse“ (14.-22. Februar 2004) beitragen. Welche
Erwartungen verbinden Sie als Schirmherr mit der zum 7. Mal stattfindenden
Leistungsschau in Leipzig?
Genau die Aspekte, die Sie
eingangs nannten, decken sich mit meinen Erwartungen. Wenn ich als
Unternehmer auf den Märkten im Osten den berühmten Fuß in der Tür haben
will, brauche ich natürlich einen Überblick über die dortigen Bedingungen,
Trends und Betriebe. Dafür eignet sich diese Messe besonders. Für
Unternehmer sind persönliche Kontakte und Gespräche mit möglichen Kunden
oder Lieferanten das A und O. Da bringt eine halbe Stunde bei Kaffee oder
Bier oft mehr als ein halber Tag Seminar zur EU-Erweiterung.
(Gespräch: Frank Wetzel) |